samedi 2 août 2008

Marseille - die älteste Stadt Frankreichs


Die französische Hafenstadt Marseille ist die älteste Stadt Frankreichs. Das älteste Viertel von Marseille, - und von ganz Frankreich -, ist das Panier. Es liegt gleich über dem Hafen auf einem Hügel: Enge Gassen, alte Häuser, Plätze... man fühlt sich mehr in einem sizilianischen Dorf als in Frankreich. Der inzwischen verstorbene Schriftsteller Jean-Claude Izzo führte Martina Zimmermann ins Panier, das Viertel, in dem seine Krimis spielen.

„Am Anfang war es das Viertel der Fischer, und dann, da es kleine Straßen sind, wurde es gleichzeitig das Viertel der Prostitution. Während des Krieges war es dann der Zufluchtsort der Resistancekämpfer. Es war auch der Ort, von dem aus die Juden nach Spanien flüchteten. Historisch ist dieses Viertel sehr beladen. Danach wurde es das Einwandererviertel, hier gibt es nicht wenige Afrikaner und Nordafrikaner. Und heute wird es renoviert. »


Nachdem der damals, 1999, 50jährige, etwas rundliche und gemütlich wirkende Jean-Claude Izzo einen Pastis bestellt hat, reden wir über seine Krimis. Wir sitzen nun auf der Terrasse von „Roger et Nenette“, einem urigen Bistro, dessen hervorragende italienische Ravioli mir Jean-Claude empfiehlt. Wie Fabio Montale, der Held seiner Krimis, mag auch Jean-Claude Izzo den Anisschnaps Pastis, die Weine der Provence, die Fischsuppe Bouillabaisse und andere lokale Delikatessen. Der sympathische, da untypische Polizist muß sich mit Rassisten herumschlagen, mit vermeintlichen algerischen Fundamentalisten und Polizisten, die mit den Rechtsextremen unter einer Decke stecken. Denn Marseille ist eine Einwandererstadt: Vom Meer kamen Griechen, Armenier oder Türken, Italiener, Spanier, Portugiesen, Korsen, Vietnamesen und Algerier. Aus dem Norden kamen Protestanten. Izzo, der Marseille wie seine Westentasche kennt, führt mich zu seinem Lieblingsort: Dem Pharopalast:



„Das ist für mich der schönste Ort von Marseille, weil einem hier Marseille zu Füßen liegt. Rechts sieht man die Jungfrau der Kathedrale, das Wahrzeichen der Stadt, aber vor allem sieht man den Eingang des Hafens. / Das ist eine Ansicht von Marseille, die man nicht oder selten zeigen will. Denn man hat hier auch den Blick auf etwas, was man heute nicht mehr anschauen will: Den Handelshafen und die nördlichen Viertel: Der Hafen geht vor die Hunde, und in diesen Vierteln von Marseille lebt man am schlechtesten. Das sind die Viertel der Immigration, der Arbeitslosigkeit, der Ausgrenzung.“

Marseille hält mit einer hohen Arbeitslosigkeit einen traurigen Rekord unter den französischen Städten. Seit der Hafen mit dem Ende der Kolonien an Bedeutung verlor, haben ganze Industriezweige dichtgemacht oder sind abgewandert. Die Bevölkerung ist älter, die Jugend schlechter ausgebildet als in anderen französischen Städten. Marseille ist eine Arbeiterstadt. Die Reichen wohnen im Südteil der Stadt, die Armen im Norden, wo sich Hochhaussiedlungen ohne Ende aneinanderreihen. La Castellane ist eine solche Siedlung. Hier wuchs Fußballweltmeister Zinedine Zidane auf.

« Zizou hat uns ein bißchen geholfen. Er gibt uns Mut, meinen die Jugendlichen, die vor den Häusern ihre Mopeds reparieren. Zizou ist der Spitzname von Zidane.“

„Wenn wir zum Beispiel einen Spielesaal hätten im Viertel, falls es regnet oder für die Ferien, wo wir drin bleiben können, wenn wir nichts zu tun haben, spielen und fernsehen, das wäre toll. Aber so werden wir in Versuchung geführt, Dummheiten zu machen, Madame.“

Marseille ist eine Stadt der Kontraste: Hinter malerischen Fischerhäuschen in hübschen Hafenbuchten stehen riesige Hochhäuser. Arbeitslose demonstrieren hier vor den Segelbooten und Yachten im Alten Hafen.

Marseille besteht aus 111 Dörfern und das 112., so heißt es, sei der Strand. Der 20 Kilometer lange Strand ist allen Bewohnern zugänglich, auch den Armen aus den Nordvierteln. Sonne, Meer und die kommunikative Lebensart verbinden alle Einwohner. Die Fans des Fußballclubs Olympique Marseille kommen zuhauf aus den Nordvierteln, sie identifizieren sich mit ihrem Verein, und sie fühlen sich zu Marseille zugehörig. Denn hier befinden sich die sog. Problemviertel in der Stadt, nicht in weit entfernten Vororten, wie das in Paris oder Lyon der Fall ist. Das könnte ein Grund dafür sein, daß es in Marseille noch nie zu Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei kam. Am Alten Hafen stehen die Leute Schlange vor dem Schalter, an dem die Karten für das nächste Spiel von OM verkauft werden:

„Wir mögen OM, das ist der beste Verein Frankreichs. Bestes Publikum, bestes Stadion!“
„Wegen der Stimmung! - das Team, die Stimmung, das gibt es sonst nirgends.“
„Marseille ist die Stadt des runden Leders.“
„Die Stadt mit Sonne, Meer, Pastis und OM.“


Der Politologie Jean Viard wird auch der „Denker von Marseille“ genannt. Er hat viele Werke über die Hafenstadt geschrieben und meint, daß Marseille mit seinen über 2600 Jahren eine Stadt mit Zukunft ist:

„Was die Dynamik einer Stadt ausmacht, ist ihre Vergangenheit und die Erinnerung daran; die Kompetenz ihrer Bewohner und der Austausch: Zwischen nah und fern, zwischen verschiedenen sozialen Schichten, Herkünften, Kulturen. Eine homogene Stadt, ob sie nun arm oder reich ist, kann nicht kreativ sein. Insofern hat Marseille mehr Vorzüge als so manch andere Stadt Europas. Die sind meist homogen, denen fällt es daher schwerer, die moderne Welt zu erfassen.“

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