Zwei arabische Frauen stellen ihre Plastiktüten ab, um sich zu unterhalten. Die eine ist im grauen Dschellaba gekleidet, die andere auf europäische Art, in schwarzer Hose und weißer Bluse. Ein Afrikaner verkauft Erdnüsse an einer Ecke, er diskutiert mit zwei Landsmännern. Ein Mädchen mit blondgefärbten Haaren wirft einen Blick in eine der Boutiquen. Zwei junge Schwarze in T-Shirt und Jeans eilen den Boulevard entlang. Hinter ihnen läuft ein Mann mit modisch geschorenem Kopf, er dürfte von der Reunioninsel stammen. Multikultureller Alltag auf dem Cours Belsunce. Eine Normalität in Marseille. Die älteste Stadt Frankreichs feiert dieses Jahr ihr 2600jähriges Bestehen. Der Sage nach entstand Marseille aus der Liebe eines einheimischen Mädchens zu einem phönizischen Seemann. Daniel Grocourt, Direktor für das Kulturerbe der Stadt:
Die Phönizier kamen, nachdem sie ihre Orakel im orientalischen Mittelmeerraum befragt hatten. Sie brachten alles mit, was die Orakel empfohlen hatten und kamen nach Marseille. Der Mythos besagt, daß der schöne Protis vom König Nan in Marseille eingeladen wurde. Seine Tochter war begeistert vom Neuankömmling, und sie reichte ihm den Becher, den sie dem geben sollte, den sie zur Heirat auserwählt hatte. Das bleibt in Erinnerung. Das ist das Zeichen einer Allianz zwischen den Leuten von hier und den Leuten von woanders.
In der Hafenstadt begegnen sich seit jeher Menschen aus fernen Ländern: Aus dem Norden kamen die Protestanten, vom Meer die Griechen, die Armenier oder die Türken, die Italiener, Spanier, Portugiesen, Korsen, die Vietnamesen und die Algerier. Marseille war der Hauptumschlagplatz des französischen Kolonialreichs. Filme und Krimis machten Marseille berühmt als Stadt der Ganoven, der Gauner, der Mafia, der korrupten Politiker. Dieses Image gehört der Vergangenheit an, meint Serge Botelli. Er koordiniert die Feierlichkeiten zum 2600. Geburtstag im Marseiller Rathaus:
Marseille ist heute in Mode. Die Fußball-Weltmeisterschaft 1998 hat das beschleunigt. Ich habe mit deutschen Fernsehsendern gearbeitet. Welches Bild hat man, wenn man hier ankommt: Marseille, Hafenstadt, das ist nicht mal ein schlechter Ruf. Das bedeutet nur, daß man im Hafen nicht baden kann. Und dann haben sie eine Landschaft entdeckt. D.h., das war ein psychologischer Schock in der positiven Richtung. Sie haben eine Stadt entdeckt, die eine lange Meeresfront hat. Hier beginnt die Cote d´Azur! Außerdem ist Marseille fotogen. Die Bilder von der Reede, den Inseln vor der Stadt, vom Hafen, da staunen wir selbst drüber. Das ist sehr fotogen. Es gibt nicht viele Städte, die 30 Kilometer Strand haben.
Marseille hat doppelt soviel Fläche wie Paris, eine Million Einwohner. Die Stadt besteht aus 111 Dörfern, und das 112. Dorf, so heißt es, sei das Meer. Der Alte Hafen mit seinen Segelbooten, den zwei Festungen an der Einfahrt, die „Corniche“, die Küstenstraße mit ihren versteckten Buchten und Fischerhäfen... und über allem strahlt die Sonne im blauen Himmel... das alles macht schon was her.
Panier
Das älteste Viertel von Marseille, - und von ganz Frankreich -, ist das Panier. Es liegt gleich über dem Hafen auf einem Hügel: Enge Gassen, alte Häuser, Plätze... man fühlt sich mehr in einem sizilianischen Dorf als in Frankreich. Kinder spielen auf der Straße, alte Leute sitzen plaudernd vor der Tür auf dem Trottoir. Der 2000 verstorbene Schriftsteller Jean-Claude Izzo führte mich zum ersten Mal in das Viertel.
Am Anfang war es das Viertel der Fischer, und dann, da es kleine Straßen sind, wurde es gleichzeitig das Viertel der Prostitution. Während des Krieges war es dann der Zufluchtsort der Resistancekämpfer. Es war auch der Ort, von dem aus die Juden nach Spanien flüchteten. Historisch ist dieses Viertel sehr beladen. Danach wurde es das Einwandererviertel, hier gibt es nicht wenige Afrikaner und Nordafrikaner. Und heute wird es renoviert.
Den Wohnungen in den engen Gassen fehlt es an Licht, sie sind winzig klein und feucht. Die Bewohner setzen sich daher abends lieber auf die Straße, die als Balkon dient. Nur in den oberen Etagen der maximal vier Stockwerke hohen, schmalen Häuser sind zum Teil herrliche Terrassen.
Alain von der Band Accoulsax führte mich in die Montée des Accoules, nach der sich die Band benannt hat. Denn hier haben sie ihr Büro, und einen Raum zum Proben.
Im Treppenhaus ist kein Licht. Hier glaubst du dich eher in Kinshasa als in New York, hier ist es „à l´ancienne“. Erklärt Alain. Er will mir eine CD vorspielen mit der Musik seiner Band. Allein, ein CD-Player ist nirgens aufzutreiben. Die Nachbarn empfangen ihn zwar freundlich, etwa zehn Leute aller möglichen Hautfarben sitzen hier vereint, rauchen, reden, in einem armseligen Zimmer, das mit Möbeln vom Sperrmüll eingerichtet ist. Hier wohnt Pierre, dessen Wohnung allen offen steht. Die Stereoanlage funktioniert nicht. Pierre lacht:
Das erinnert mich an das erste internationale Filmfestival in Burkina Faso, als Sankara noch Präsident war... am ersten Tag hatte der Filmprojektor eine Panne, und keiner konnte ihn reparieren. In diesem afrikanischen Ambiente warteten alle, keiner tat was, und Sankara lud alle in eine Disco ein. Zwei, drei Tage später haben sie dann jemand gefunden, der den Apparat reparierte.
Die Musik bekomme ich also nicht zu hören. Dafür erklärt mir Alain, was es mit dem Viertel auf sich hat.
Wir sind hier über dem Sitz der griechischen Stadt, die erste menschliche Siedlung in Marseille war auf diesem Hügel. Das ist ein altes Viertel, in dem man nur sehr schwer mit dem Auto vorankommt. Für manche sind die Hausmauern elendig, aber es gibt auch schöne Fassaden. Das ist ein Barrio, oder eine Medina.
Das meiste gefällt mir hier, vor allem die Qualität der menschlichen Beziehungen im Viertel. Du kennst die „bar des 13 coins“, da sind Leute, die am unteren Ende der sozialen Leiter stehen, die aber wunderbare Menschen sind. All die kleinen Voyous, Clochards, und die Bewohner des Viertels. 12´55 Was mir nicht gefällt, sage ich sage dir nicht. Ich habe keine Lust, im Hafen zu landen, mit ein paar Betonklötzen an den Füssen hähähä.
scherzt Alain. Denn noch vor 30 Jahren brachte man sich in den Straßen des Panier um. Mafiosi beglichen untereinander Rechnungen, und keiner traute sich, etwas zu sagen. Doch inzwischen ist das Panier als Heimatschatz/Kulturerbe entdeckt worden. Ho Andou ist vietnamesischer Herkunft. Seit 24 Jahren arbeitet er als Architekt und Urbanist für die Stadt. Marseille ist die älteste Stadt Frankreichs, doch viele „Sehenswürdigkeiten“ befinden sich unter der Erde. Sobald irgendwo gebaut und gegraben wird, stoßen die Archäologen auf Funde aus der Antike. Deshalb wurden alle unter- und überirdischen Daten der unter Denkmalschutz stehenden Viertel im Computer gespeichert - in seiner Vollständigkeit ein in Frankreich bisher einzigartiges System, das bei jedem Bauvorhaben konsultiert wird. Gerade das Panierviertel wird als historisch besonders wertvoll besonders geschützt. Nicht nur, daß die Fassaden der Häuser nicht verändert werden dürfen. Selbst neue Materialien müssen genehmigt werden, damit sie dem Charakter des Viertels entsprechen.
Es handelt sich bei der Bevölkerung um Rentner und Leute, die nicht viel Geld haben. Wenn sie in einem solchen Viertel sagen, man muß renovieren, restaurieren, die Wohnungen normgerecht umbauen, dann kostet das viel Geld. Aber diese Leute haben kein Einkommen, um das zu bezahlen. Die Stadt hat die erste Restaurierungsoperation 1973 begonnen. Man restaurierte das wichtigste Monument, die vieille charité, das ehemalige Armenhospiz. Danach kamen Kabel- und Kanalisationswege dran. Aber es geht sehr langsam voran, wegen der sozialen Handicaps.
Wenn Sie sagen, da wird eine Renovierungsoperation durchgeführt, dann wird in Frankreich automatisch spekuliert. Um das zu verhindern, kauft die Stadt über das Vorkaufsrecht bestimmte Gebäude auf und verkauft sie dann zum Kaufpreis an Privatpersonen weiter.
Die Vieille Charité ist heute die schönste Sehenswürdigkeit von Marseille.
Ihre Kuppel wird nachts angeleuchtet. Im Innern befindet sich ein Museum, die wichtigsten Ausstellungen der Stadt finden hier statt, im Innenhof manchmal Konzerte.
Die höre ich von meiner Terrasse aus. Ich habe nämlich Mitte der 90er Jahre eine Wohnung gleich nebenan gekauft. Damals erzählten selbst meine Marseiller Freunde schreckliche Geschichten von Einbrechern, Autoknackern und von Wäsche, die in diesem Viertel von den Leinen geklaut werde. Sie fürchteten, auf dem Heimweg ausgeraubt zu werden. Inzwischen kommen sie alle ganz gerne in dieses Viertel. Fast alle Häuser in der Straße sind renoviert worden, und Besucher behaupten, das sei das schönste Viertel von Marseille. Es haben sich Souvenir- und Kunstboutiquen niedergelassen, eine Biokosmetikerin und Restaurants; zahlreiche Festivals und Openair-Kinovorführungen bringen die Marseiller ins Viertel, Touristen bevölkern die Gassen, der "petit train" fährt im Stundenrhythmus durch. Oft werden hier Filme gedreht, die die schöne Kulisse nutzen. Auch Jean-Claude Izzos erster Roman "Total Kheops" (UNIONSVERLAG)spielte in diesem Viertel. Denn hier wohnten seine Eltern, bis sie von den Nazis vertrieben wurden. Die deutschen Besatzer sprengten die untere Hälfte des Viertels, die am Alten Hafen gelegen ist, in die Luft. Die Bewohner mußten innerhalb von 48 Stunden ihre Habe zusammenpacken und ihre Wohnungen verlassen. Der Wiederaufbau nach dem Krieg dauerte fünf Jahre. Den unteren Teil des Panier verschandeln seither häßliche, funktionelle Betonbauten. Vcon hier aus geleitete mich Jean-Claude Izzo auf die andere Seite des Hafens, zum Pharopalast:
Das ist für mich der schönste Ort von Marseille, weil einem hier Marseille zu Füßen liegt. Rechts sieht man die Jungfrau der Kathedrale, das Wahrzeichen der Stadt, aber vor allem sieht man den Eingang des Hafens.
Die Reichen wohnen in schönen Wohnungen und Villen im sog. Südteil der Stadt, die Armen im Norden, wo sich Hochhaussiedlungen ohne Ende aneinanderreihen. Das Grand Projet Urbain soll als „großes städtisches Projekt“ das Stadtbild im Norden bis 2010 beträchtlich verändern. 1, 2 Milliarden Francs investieren Stadt, Staat und Region. Maurice Mathieu führt mich durch die betroffene Zone, das 15. und 16. Arrondissement von Marseille - 2500 Hektar, 70 000 Einwohner. Neun Dorfkerne, 13 Hochhaussiedlungen. Sie wurden in den 60er Jahren hochgezogen. Doch nach der Unabhängigkeit der Kolonien schlossen die Erdnuß-, Mehl- und Griesfabriken. Dafür kamen mit dem Verlust Algeriens zahlreiche pieds-noir, Algerienfranzosen. Sie wurden in diesen Sozialwohnungen untergebracht. Mit dem sozialen Aufstieg kauften sie Wohnungen im Umland, neue Einwanderer übernahmen die Wohnsilos. 1974 verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage mit dem ersten Ölschock. Die Bewohner der Siedlungen überlebten dank der Solidarität innerhalb der Familien.
Die Siedlung Plan d`Aou sieht ziemlich verfallen aus. Betonklötze, in denen sich 500 Wohnungen befinden, nur die Hälfte davon ist bewohnt. Die Wohnungen im Erdgeschoß sind bereits zugemauert, denn die Siedlung soll demnächst teilweise abgerissen werden. Sie liegt auf einer Anhöhe, und das einzig Schöne ist der herrliche Blick aufs Meer. Ein paar Kinder spielen auf dem Sportplatz vor der Häusern. Läden oder Cafés gibt es hier nicht. Maurice Mathieu erklärt das Bauvorhaben:
Manche von den Wohnungen, die sie hier sehen, werden rehabilitiert. Neue Wohnungen nach den derzeitigen Normen werden gebaut werden. Im Erdgeschoß wird es Händler geben und Boutiquen. Aus Saint Antoine und Plan d´Aou, die heute physisch getrennt sind, soll ein einziges Viertel werden.
Der Bahnhof im benachbarten Dorf Sainte Antoine soll wiedereröffnet werden, und Leben ins Dorf und in die benachbarte Siedlung bringen. Mietwohnungen und Eigentumswohnungen sollen gebaut, eine Bibliothek und eine Inline-Skater-Bahn geschaffen werden.
Das Nachbarviertel Castellane ist in ganz Frankreich berühmt: Aus dieser Siedlung stammt Zinedine Zidane, der französische Fußballweltmeister. Ein paar Jugendliche reparieren vor den Hochhäusern ihre Zweiräder.
Zizou hat uns ein bißchen geholfen. Er gibt uns Mut.
Zizou ist der Spitzname von Zidane.
Euromediterranee ist ein weiteres gigantisches Projekt. Im Zentrum, an der Joliette, gleich neben dem Hafen, wurde auf 310 Hektar renoviert. Aus baufälligen Häusern wurden luxuriöse Büroräume und Wohnungen.
Die gesamte Küste im Nordteil der Stadt wird umgebaut. Die Estaque war früher ein malerisches Fischerdorf, das Impressionisten und andere Malern verewigten. Heute ist die Estaque ein Stadtteil von Marseille. Von hier aus bis hin zum Hafen hin soll das Meer den Bewohnern zugängig gemacht werden. Geplant sind eine Strandpromenade, Grünflächen, ein Stadion, eine Fischereischule, Zentren mit Wassersportmöglichkeiten, eine Anlegestelle für Kreuzfahrtschiffe... der so erneuerte Stadtteil soll auch Touristen anlocken, meint Maurice Mathieu:
Eine Nacht im Tourismus bedeutet eine Arbeitsstelle. Bisher ist Marseille eine Stadt, die viel Touristen empfängt, aber sie bleiben nicht lange. Wir möchten, daß sie bleiben. Die neue Landschaft könnte sie zum Bleiben einladen.
Das ändert sich so langsam. Die Pariser begeistern sich für die Stadt, die nur drei TGV-Stunden entfernt ist. Und man hört immer mehr Deutsch und Englisch in den Strassen! Marseille lohnt einen Besuch:
2013 ist Marseille europäische Kulturhauptstadt!
Zur Stadtentwicklung gehört die Kultur: Marseille war Vorreiter mit der Idee, daß, wo Arbeitslosigkeit solchen Schaden anrichtet, die Kultur Arbeitsplätze schaffen kann. Das Kulturzentrum La Friche ist eine ehemalige Tabakfabrik auf einem riesigen Gelände, wo Ateliers, ein Tonstudio, ein Restaurant und eine Radiostation eingerichtet wurden. La Friche gehört zum Gebiet von Euromediterrannée.
Das ist ein wichtiger kultureller Ort in Marseille, da finden Konzerte und Shows statt, kulturelle Aktivitäten mitten auf dem Sektor von Euroméditerranée. Diese öffentliche Einrichtung, die ich leite, will das entwickeln, und den wirtschaftlichen Bereich hinzubringen. Denn wer malt, braucht Leinwand. Braucht einen Rahmenmacher in der Nähe. Kulturelles Genie bringt wirtschaftliche Entwikclung. Wir versuchen, das zusammenzubringen.
Die Fiesta des Suds ist ein Musikfestival, das 1994 zum ersten Mal in Marseille stattfand. Heute kommen 45-50 000 Zuschauer aus Marseille und ganz Frankreich. Parallel zum Festival finden Lesungen und Konzerte in den Cafés der Region statt. Den Erfolg erklärt sich Florence Chastanier, eine der Organisatoren, so:
Wir wollten etwas auf die Beine zu stellen, das dieser Stadt ähnelt, womit man sich identifizieren kann. Wir waren immer in Gebäuden, die zum Kulturerbe der Stadt gehören, vor allem zum Hafen. Die Konzerte fanden meist in den Docks statt. Wir wollten etwas aus den Wurzeln der Stadt entwickeln, aber nicht nostalgisch mit Folklore, sondern mit lebendiger, moderner Musik. Unser Süden erstreckt sich von Istanbul bis Rio. Der Süden ist auch eine Frage der Mentalität. Nicht, daß die Leute aus dem Norden nicht gerne feiern. In Lille gibt es große Feste, in Deutschland das Oktoberfest, überall wird gefeiert. Aber ich glaube, hier ist die Lust am Feiern in konzentrierter Form vorhanden.
Marseille, die Stadt der Kontraste, hat noch eine Besonderheit: Anders als in den Vororten von Paris und Lyon, wo Auseinandersetzungen zwischen Jugendlichen und der Polizei fast zum Alltag gehören, hat es in Marseille bisher noch selten Randale gegeben. Selbst als im Februar 1995 der 17jährige, von den Komoren stammende Farbige Ibrahim Ali von Plakateklebern der Front National ermordet wurde, konnte ein Aufstand verhindert werden. Zahlreiche Vereine und Organisationen aus den schwierigen Vierteln setzten sich mit den aufgebrachten Jugendlichen an einen Tisch; auch die Medien räumten ihnen Platz ein... Die Tradition als Einwandererstadt sei angesichts der landesweiten Vorortproblematik eine Chance für Marseille, meint auch Serge Bartolini. Bartolini ist Leiter von 40 Jugendzentren in Marseille und Umgebung:
Nicht, daß es einfach wäre, wenn man in Marseille als Ausländer, als Dunkelhäutiger und ohne Geld ankommt. Das ist in Marseille dasselbe wie überall. Aber hier gibt es Verbindungen, Organisationen und Vereine der unterschiedlichen Bevölkerungsgruppen. Sie funktionieren, sie können immer helfen. Bevor einer beim Sozialamt ankommt, hat er schon bei diesen Organisationen Hilfe gefunden. Ein weiterer Punkt ist geografischer, geopolitischer Art: In Marseille sind die Problemviertel nicht in den Vororten, sondern in die Stadt integriert. Da hat man weniger das Gefühl, in einem Ghetto zu leben. Wenn die Jugendlichen ins Fußballstadion gehen, sind sie stolz darauf, Marseiller zu sein. In den Vororten von Paris fühlt man sich nicht als Pariser! Hier schafft das eine starke Verbindung zur Stadt, und auf solchen Symbolen beruht oft eine Gesellschaft.
Strand
Der über 20 Kilometer lange Strand ist allen Bewohnern zugänglich. Auch den Armen aus den Nordvierteln. Und die Fans des Fußballclubs Olympique Marseille kommen zuhauf aus diesen Vierteln - diese Identifikationsmöglichkeit gibt es in anderen Großstädten nicht. Am Alten Hafen stehen die Leute Schlange vor dem Schalter, an dem die Karten für das nächste Spiel von OM verkauft werden:
Wir mögen OM, das ist der beste Verein Frankreichs. Bestes Publikum, bestes Stadion.
Wegen der Stimmung! So ein Team, so eine Stimmung, das gibt es sonst nirgends.
Marseille ist die Stadt des runden Leders. Die Stadt mit Sonne, Meer, Pastis und OM.
Bar im Panier: Hier werden die Fussballspiele übertragen
Der Politologie Jean Viard wird der auch der „Denker von Marseille“ genannt, weil er viele Werke über die Hafenstadt geschrieben hat. Er meint, daß Marseille eine Stadt mit Zukunft sei:
Was die Dynamik einer Stadt ausmacht, ist ihre Vergangenheit und die Erinnerung daran; die Kompetenz ihrer Bewohner und der Austausch: Zwischen nah und fern, zwischen verschiedenen sozialen Schichten, Herkünften, Kulturen. Eine homogene Stadt, ob sie nun arm oder reich ist, kann nicht kreativ sein. Insofern hat Marseille mehr Vorzüge als so manch andere Stadt Europas. Die sind meist homogen, denen fällt es daher schwerer, die moderne Welt zu erfassen.
Aucun commentaire:
Enregistrer un commentaire